Gretchenfrage und anderes Faustisches*

 


.           1.

 

Es ist offenbar immer nachteilig, wenn man eine andere Nation - aus Unkenntnis oder Mißverstehen - falsch einschätzt, aber die Fehleinschätzung einer Nation in der heutigen Stellung der Vereinigten Staaten von Amerika ist und war immer von besonderem Nachteil; ob zu gut oder zu schlecht, ob man sie bekämpfen oder mit ihr arbeiten will. In der gegenwärtigen Weltlage, in der wir immer mehr erkennen, daß es weltweit um Demokratie oder Diktatur geht, ist solche Fehleinschätzung doppelt zu bedauern, weil sie auch die Entwicklung im eigenen Land des Einschätzers stört und die Beurteilung dieser Entwicklung in anderen Ländern trübt. In diesem Sinn gibt es Manches zu sagen zu drei Aufsätzen in “liberal”, aber wegen der eingangs festgestellten Situation ist eine solche Betrachtung mehr als ein Leserbrief., und jene drei Aufsätze werden hier nur als ein Beispiel genommen. Dies sind die folgenden: Helmut Schäfer “Uneingeschränkte Solidarität?” (liberal 44:2:46-50; Mai 2002), Heinz Murmann “Wie hast du’s mit den USA?” (liberal 44:2:51-5, Mai 2002) und Robert Gerald Livington “American and German Foreign Policies; Still compatible?” (liberal 44:3:39-41, September 2002). Ich fühle mich zu dieser Betrachtung aufgefordert, weil ich etwa 50 Jahre in  beruflicher und nebenberuflich-beauftragter Weise dieses Problem zu studieren hatte (1931-1940 und 1961 bis jetzt). Natürlich ist es ein sehr altes und nie aufhörendes Problem; mir liegt eine reizende Darstellung dieses Problems aus der Mitte des 19.Jahrhunderts vor (Interessenten können gerne eine Kopie bekommen).

 

Da sie grundsätzlich  richtig, aber leider in ihrer Auswertung zu unvollständig ist, nehme ich Murmanns Darstellung zuerst vor.

 

 

2.

 

Was also fehlt in der Amerika-Kenntnis auch des deutschen Liberalen? Die mir als wichtigst erscheinende Unvollständigkeit ist für mich ein wenig rätselhaft. Es handelt sich um eine amerikanische Tatsache (oder zwei Tatsachen), die jedem Deutschen mit einem Interesse an Amerika bekannt sind, deren Auswirkung jedoch offenbar nie betrachtet wurde - in keinem der vielen deutschen Amerikabücher, die ich gelesen habe, waren sie auch nur angedeutet. Wieso kam ich sobald darauf?  Als ich im April 1961 in Amerika ankam, mußte ich feststellen, daß ich alleine unter lauter Amerikanern war, Vorgesetzte, Kollegen, Untergebene, Nachbarn - nur Amerikaner; mein Gehalt kam aus amerikanischen Quellen, und es schien, als ob das so bleiben sollte. Das war eine ganz andere Situation als sie dem deutschen Presseberichterstatter, Industrievertreter, Diplomaten, Austauschprofessor oder gar Touristen  begegnet. Ich mußte die Amerikaner verstehen. Wiederum,

die Amerikaner konnten mir dabei kaum helfen, da sie nicht erfassen konnten, was und warum ich so vieles nicht verstand. Es blieb nur ein Weg: die amerikanische Geschichte gründlich studieren und zwar mindestens von 1607/1620 an - und das konnte ich mit Freunden und Kollegen diskutieren. Es half, eine Tür nach der anderen ging auf. Vor allem erkannte ich bald die beiden oben angedeuteten Tatsachen; beides Erfahrungen für die Einwanderer, die sie in Europa nicht haben konnten.

 

Vom ersten Tag an, und bleibend bis nach der Mitte des 19.Jahrhunderts, war es jedem Amerikaner möglich,  hundert Prozent persönliche Freiheit zu haben: er mußte nur weiter nach Westen gehen. Da grundsätzlich  Jeder das konnte, erhielten auch die Zurückbleibenden mehr Freiheit, sie konnten ja entschlüpfen. Jedoch kam mit der 100%igen persönlichen Freiheit unweigerlich auch eine 100%ige persönliche Verantwortung - und diese Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung war keine Theorie sondern zwingende Tatsache. Es konnte nicht ausbleiben daß das einen wenn auch unbewußten, doch wesentlichen Einfluß auf den Charakter haben mußte, und zwar, wie ich bald sah, allgemeinen und bleibenden Einfluß - auch die ergreifend, die später kamen. Dazu gehört vor allem die allgemein größere Hochachtung vor dem Mitmenschen und seiner Meinung (eine Voaussetzung der Demokratie); aber auch keine oder geringe Scham wegen geringer Herkunft, und auch auf einigen Umwegen eine relativ leichte Willigkeit, ein größeres Einkommen aufzugeben, um entweder mehr Zeit für anderes zu haben (Familie, Hobby) oder um sich einer geringer bezahlten, aber dennoch als wertvoller angesehenen Tätigkeit zu widmen.. Von diesem Charakter  fließen noch andere tpyisch amerikanische Verhaltensweisen.

 

Die zweite Tatsache blieb sogar bis in das frühe 20ste Jahrhundert teilweise erhalten: bei der Landverteilung bekam grundsätzlich jeder gleich viel (wenn man über den mittleren Westen fliegt, sieht man noch vielerorts die gleich großen viereckigen Landstücke). Da zehn Jahre nach der Landverteilung die einen erfolgreich waren aber andere vielleicht  nicht, konnten ihre Nachbarn es nicht vermeiden, zu erkennen, woran das lag: richtiges Planen, hartes Anpacken. Daß Gleichheit der Startbedingungen nicht Gleichheit im Ergebnis bedeutete, war unverkennbar - und es mußte als ungerecht erscheinem, wenn man die Gleichheit im Ergebnis nun irgendwie erzwingen wollte. Zudem: was hier galt, galt auch allgemein im gesellschaftlichen Leben, solange es im Einzelfall nicht besondere Gründe gab. Das ist die zweite amerikanische Erfahrung, die in Europa nicht zu haben war.

 

Es gibt noch einige mehr. Aber betrachten wir nun einzelne Folge-Erscheinungen und andere modernere Entwicklungen, welche unter dem zu finden sind, was auch Liberale in Deutschland oft nicht wissen. Da die Presse es meistens als ihre Hauptaufgabe ansieht, Mißstände aufzuzeigen - die inneramerikanische aus der Pflicht zur demokratischen Kontrolle, von der in Amerika arbeitenden ausländischen manchmal aus patriotischen Gründen - dauert es lange, ehe der Besucher positive Züge findet. Wenn er bewußt  danach sucht, braucht es immer noch einige Jahre. Sucht er nicht danach, ist aber interessiert, muß er mit fünf bis zehn Jahren rechnen und erlebt es, daß er auch nach dreißig Jahren Neues entdeckt. Ich bin auch deutschen Intellektuellen begegnet, denen es patriotische Pflicht zu sein schien, amerikanische Positiva nicht zu erkennen.

 

Da sind einige Züge in der freien Marktwirtschaft, welche meistens denen, die in der “sozialen Marktwirtschaft” leben, unbekannt sind.

 

Zum Beispiel hat der ECONOMIST vor Jahren einmal die Arbeitslosenzahlen weltweit untersucht und dabei festgestellt, daß die Arbeitslosen in den USA zu 90% Kurzzeitarbeitslose sind, weniger als ein Jahr (innerhalb Amerikas zählt man als Kurzzeitarbeitlose die, die weniger als 100 Tage arbeitslos bleiben). So unangenehm und schwierig auch eine kurze Arbeitslosigkeit für den Betroffenen ist, so ist sie doch zum großen Teil ein Zeichen dafür, daß die Wirtschhaft sich umstellt, also oft ein günstiges Zeichen. In der ECONOMIST-Aufstellung gab es nur ein Land, bei dem das Verhältnis noch ein wenig günstiger war als in den USA - aber Deutschland stand nahe dem anderen Ende des Spektrums mit einer sehr großen Prozentzahl von Langzeit-Arbeitslosen. 

 

Mehrere amerikanische Organisationen, darunter die Federal Reserve Bank von  Dallas und, unabhängig, eine Universität, haben in zwei recht schwierigen Untersuchungen  (da das Steuergeheimnis zu schützen war) festgestellt, daß von den Mitgliedern der ärmsten Klasse (also dem ärmsten Fünftel) mehr als 80% nach neun Jahren besser standen, während umgekehrt mehr als 60% der Reichsten in dieser Zeit abgesunken waren.  Es ist unmöglich, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen und zu erhalten: schon der an sich doch positive Wunsch des Vaters, daß es seinen Kindern gut gehen möge, verhindert das, und andere Gründe stehen auch dagegen. Das hat man in Amerika gewußt.  Aber es ist möglich, die Decken zwischen den Klassen durchdringbar zu machen - und wie man sieht, kann das sogar gelingen.

 

In den USA gibt es eine amtlich festgesetzte und von Zeit zu Zeit  revidierte “Armutsgrenze”, die an den deutschen Sozialhilfesatz erinnert, aber anders ist.  Eine Familie mit zwei Kindern ist unter der Armutsgrenze, wenn sie weniger als (der Kaufkraft nach umgerechnet) 20,000 Euro  pro Jahr an Einkommen hat - damit hat sie Anspruch auf eine soziale Unterstützung. Stets, wenn wegen Verteuerung der Lebenshaltungskosten diese Grenze hinauf gesetzt wird, fallen natürlich mehr Personen unter sie, was dann gelegentlich im Ausland als  “Anstieg der Armut” kolportiert worden ist.

 

Was der Aufmerksamkeit des ausländischen Besuchers meistens entgeht, sind auch die unzählig vielen Quellen der Hilfe für die weniger gut Gestellten - zum Teil an etwas erinnernd, was in Deutschland anscheinend vor allem in kleinen und mittleren Ortschaften auch zu finden ist: Nachbarschaftshilfe, private, von vielen Organisationen,  und amtliche von der Gemeinde über den Staat bis zum Bund (z.B. ärztliche Betreuung für die, die nicht versichert sind - noch nicht genug, aber vorhanden). Hier sei nebenbei noch vermerkt, daß es in den Krankenhäusern keine Klassen gibt, es sind immer Zweibett-Zimmer. Einige Krankenhäuser haben luxuriösere Zimmer oder Suiten für reiche Leute, die bereit sind, dafür sehr viel -  und zwar oft erheblich mehr als die Kosten sind - zu bezahlen (das gibt’s in Deutschland auch, wie ich selber erfahren habe).

 

Weiter unten will ich etwas über den in Europa weitest verbreiteten Eindruck sagen daß die Amerikaner nur an Technik interessiert sind und daß der Dollar alles beherrsche.Aber unbedingt festzuhalten ist die Tatsache, daß  [ “grundsätzlich”] der über 18 Jahre alte Amerikaner für sich selber verantwortlich ist. Daher muss er z.B. sein Studium bezahlen (siehe meinen Aufsatz dazu in LIBERAL 43:1:36-38) , deswegen muß er aber auch selber aufmerksam sein und sich mitverantwortlich fühlen, mit denen, die es nicht genügend selber können: er kann nicht so leicht sagen: “Das macht bei uns die Regierung”.

 

Aus dieser Einstellung rührt einmal die große Bereitscxhaft zu freiwilliger unbezahlter Tätigkeit (die man aber nicht als “ehren”-amtlich ansieht); so haben z.B., 1992 mehr als 80 Millionen über 18-Jahre alten Amerikaner jeder mehr als 100 Arbeitsstunden geleistet). Zum anderen rührt daher die große Zahl der Spenden für charitative oder kulturelle Zwecke, die bei den unteren und mittleren Einkommensklassen zwischen 2% und 10% des Netto-Einkommens (vor deren Abzug) ausmacht, bei den Reichen erheblich mehr.Hier ist auch an die vielen Organisationen zu denken, zum Beispiel an die typisch amerikanischen und sehr erfolgreichen beiden: die moderne  “Habitat for Humanity” und die alte Heilsarmee.

 

Alles das hat natürlich auch seine Schattenseiten. Betrug gibt es auch bei charitativen Organisationen und in einigen Staaten kann man durchaus von Korruption sprechen. Das geht auf und ab - was mich besonders besorgt macht, sind einige Entwicklungen, welche auf die Dauer zu immer mehr solchen negativen Seiten führen müssen. Da gibt es (um den Titel eines Buches zu zitieren), die “Flucht aus der Wissenschaft und der Vernunft”, veranlaßt oder gefördert von gewissen Zweigen der “Postmodernen Philosophie” und des “Politischen Korrektseins”, oder des “Historischen Revisionismus”.

 

Schauen wir auf den Letzteren. Seinen Anhängern geht es nicht in erster Linie darum, soweit wie möglich die Vergangenheit richtig darzustellen, sondern aus der Vergangenheit nur das herauszuholen und dann zu propagieren, was gegenwärtigen Zwecken hilft. Manchmal steht dahinter die Sorge, nicht zu denen zählen zu müssen, die den Kuhn’schen Satz von den Paradigma bestätigen - oder der Wunsch, durch radikale Behauptungen Aufmerksamkeit zu erregen und damit Manuskripte von  Verlagen angenommen zu bekommen und/oder womöglich eine  Professorschaft zu erringen. Manchmal ist das Motiv zu solchem Revisionismus so primitiv, daß man die Geschichte verzerrt, um die Eskapaden eines Präsidenten rosiger erscheinen zu lassen.

 

Der Schattenseiten gibt es weit, weit mehr. Die Situation im Innern vieler großer Städte und besonders die Schulen dort sind ein schweres Gewicht, das nur langsam erleichtert wird.. In weit entfernt liegenden Dörfern oder kleinen einsamen Siedlungen, die es im dicht besiedelten Europa nicht gibt, herrschen manchmal idyllisch schöne, aber oft auch schlimme Verhältnisse. Es gibt noch heute im Süden kleine Städte, in denen Weisse und Schwarze wohnen, streng getrennt, die einen von den anderen keinerlei Notiz nehmend. Natürlich, niemand ist verloren gegangen oder bleibt ganz ungesehen. Die von der Verfassung  alle zehn Jahre vorgeschriebene Volkszählung bemüht sich unter sehr großem Aufwand, jeden letzten Bürger zu erfassen; charitative Organisationen versuchen,  ihre Aufgaben überall zu erfüllen. Aber es geht sehr langsam. Die tiefere Ursache dafür liegt in dem Hauptproblem Amerika’s: die seit dem Sklaven-Import vorhandene Kluft zwischen den Rassen. Thomas Jefferson gab als er ein frisches Mitglied des Parlaments der Kolonie Virginia war, sozusagen den Start-Schuß: er beantragte die Freilassung aller Sklaven, das wurde überwältigend abgelehnt. Sein Leben lang hat er die notwendigen und möglichen weiteren Schritte in dieser Richtung unternommen. Viele Quäker, andere Abolitionisten, die “Unteridische Eisenbahn”, eine ganze Reihe von klugen und mutigen  männlichen und weiblichen Sklaven, dann John Brown und schließich der unerhört blutige Zivilkrieg (1861-1865) unter Abraham Lincoln (dem er selber zum Opfer fiel, obwohl er doch erst während dieses Krieges selber ganz bekehrt wurde) brachte die gesetzliche Feilassung, die jedoch erst durch  Thurgood Marshall 1954  eine de facto rechtliche Befreiung wurde und erst mit und um Martin Luther King in eine seither stetig fortschreitende Gleichsetzung auf  immer mehr Gebieten einbog  Da sind wir noch lange nicht am Ziel. Der Kampf - und um einen solchen handelt es sich - muß in einem Lande ausgefochten werden, in dem ein wesentlicher Prozentsatz der Bevölkerung aus den bisher Benachteiligten besteht, und in dem der Grundsatz, daß ihrer Natur nach  alle Menschen gleichermaßen frei sind, schon zu Anfang dieses Kampfes, 1776,  zu einem Bestandsteil des Gesetzes geworden war.

 


Zum Schluß dieser speziellen Betrachtung der Positiva and Negativa seien noch einige Tatsachen angeführt, die wir nicht vergessen sollten: in den USA gibt es mehrere, voneinander fast vollkommen unabhängige Rechtssysteme. Grundsätzlich  ist die Gesetzgebung Sache des Einzelstaates und nicht des Bundes. Wenn man also umzieht, trifft man in mehrerer Hinsicht auf neue Verhältnisse - und dabei sind in 49 Staaten die Entwicklungen des (englischen) Common-Law entscheidend, während in Louisiana noch der Code Napoléon regiert.    Die Indianer-Reservationen haben ihre eigenen Gesetze und Rechtssysteme, dort hat auch der weiße Polizist keine Macht. 

 

 

3.

 

Während Murmann uns an die Zeilen 415ff  in  Goethes FAUST erinnert und uns dadurch in einer sehr geschickten Weise die offenbaren und hintergründigen Parallelitäten und Gegensätzlichkeiten zwischen der Gretchenfrage damals und der seinigen heute fühlen läßt, veranlaßt Schäfer mich, die Zeilenpaare 285/286 und 328/329 noch einmal genauer anzusehen. Dabei stoße ich auf die Tatsache, daß sich des rechten Weges wohl bewußt zu sein, sich nur auf den guten Menschen bezieht, während das tierischer als jedes Tier zu sein, uns zweifellos besonders an die Nichtguten erinnert. Wo steht nun der, der sich selber als vornehmlich und mindestens relativ gut, den anderen aber als durchaus schlecht beurteilt? Lassen wir diese Frage voerst in der freien Luft stehen und nehmen uns Schäfer’s Aufsatz vor.

 

Murmann betrachtet mehr die Grundlagen des amerikanischen Lebens, während Schäfer sich vor allem auf einzelne vermeintliche Auswirkungen bezieht, und so wenden wir uns nun mehr diesen zu. Gar bald greift er ein berühmtes Wort von Präsident Reagan auf und an.  Nun:

 

Reagans Wort vom “Evil Empire” war notwendig und zeitlich angebracht und ausserdem durchaus berechtigt und die Tatsachen richtig darstellend. Es war notwendig, weil es danach den Herrschern in Moskau usw., nicht mehr möglich war, zu glauben, sie könnten die amerikanische (und im Gefolge die europäische und endlich weltweite) Öffentlichkeit  weiterhin  propagandistisch  besänftigen. Und es war berechtigt, weiß Gott! Jedesmal wenn ich in den 1960er bis 1980er Jahren aus der Sowjetunion heimkehrte, war ich innerlich mit Wut erfüllt, weil ich wieder erlebt hatte (und dazu hatten schweigen müssen), wie dort die Menschenwürde mit Füßen getreten wurde, den Menschen den Zugang zu so vielen, selbst einfachsten Dingen verwehrt wurde , sie vorne und hinten belogen wurden, und die Angehörigen ihrer Dienstvölker (der anderen Nationen des Warschaupaktes und der nichtrussischen Völker inerhalb der SU) fast wie Sklaven behandelt wurden. Und haben wir nicht alle nach 1989 erfahren können, wie es wirklich dort aussah und im Gefolge z.T., heute noch aussieht? Das war bestimmt tierischer als es in jeder tierischen Gemeinschaft sein könnte Und die guten Menschen hätten in ihrem dunklen Drange fühlen sollen, daß man das brandmarken müsse.

 

Freilich, es führte zunächst zu einer Verschärfung (um ein Wort Schäfer’s zu gebrauchen). Aber eine solche Verschärfung ist oft  (sollte man sagen “leider”?) dringend geboten. Der Fall der Genfer Abrüstungs-Konferenz 1936 wiederholt sich oft genug. Damals sollte es bereits klar gewesen sein, daß Hitler einen grossen Krieg vorbereitete und bestimmt führen würde; ich hatte das schon im Juni 1934 aus berufenem Mund vernommen.Deshalb war es falsch, ja, fast verbrecherisch, nach Abrüstung zu rufen. Man hätte nach einer beschleunigten materiellen und geistigen Aufrüstung Frankreich’s, England’s und Polen’s rufen müssen. Damals war es noch möglich, in dieser Weise den zweiten Weltkrieg und Vieles andere zu verhüten. Die Verschärfung der internationalen Situation nach Reagans Wort vom “Evil Empire” ließ die Herrscher in Moskau erkennen, daß sie so nicht weitermachen konnten.

 

Da sie eine geprägte Form besitzen, die sich lebend entwickelt, überwinden wahre Demokratien die zeitlichen Veränderungen ihrer Umwelt und Angriffe durch andere Mächte. Für  “Volksdemokratien”

und Demokratie-Surrogate, die vor allem in der zweiten Hälfte desvorigen Jahrhundert hier und da  vorgeschlagen wurden , und natürlich für autoritäre Staaten gilt das weit seltener. Zudem, wie schon 1868 Carl Schurz gegenüber Bismarck erläuterte, sind Demokratien langfristig stabiler und schon daher gewohnt,  in längeren Zeitabschnitten zu denken; das ist freilich etwas, was man bei kurzfristigen Betrachtungen nicht gut erkennen kann. Sie haben ausserdem gelernt, daß Politik die Kunst des Möglichen ist und daß man schon deshalb bei der Verfolgung eines Hauptzieles oft Kompromisse schließen muß und daß  bei dem Auftreten anderer Ziele auch scheinbare Widerspüche auftreten - aber wenn man breiter und tiefer sieht, bleibt da ein konstanter Unterstrom.

 

Das schärfer zu definieren und dann breiter zu begründen, ist hier nicht der Platz. Wenn man aber diese Gesichtspunkte vernünftig auf  Schäfer’s Aufsatz anwendet, kommt man in fast allen Punkten zu andern Ergebnissen als der Verfasser.

 

Zum Beispiel schreibt Schäfer auf Seite 49, linke Spalte das Folgende: “Daß er für seine Behauptungen [über den Irak, H.D.] nicht den geringsten Beweis antritt, überrascht bei ihm nicht”.

In einer Demokratie mit einer scharfen Gewalten-Trennung wischen Parlament und Regierung kann sich keine Regierung erlauben, Behauptungen aufzutellen für die sie keine Beweise in der Hand hat. Die Rückfragen, die scharfe Kritik und oft die heftigen Angriffe, die aus dem Congress zu erwarten sind, verhindern das. Ich habe jetzt seit Wochen viele Stunden vor dem Fernseher damit zugebracht um die manchmal in der Form freundlichen, im Inhalt aber kritischen Befragungen zum Irakproblem angehört, denen Bushs Kabinettmitglieder, hohe Generäle und frühere leitende Personen der UN Irak-Inspektionsgruppen, ein irakischer Physiker, früher in ,leitender Position bei der irakischen Atombomben-Entwicklung und dann geflohen, der Präsident einer amerikanuschen Gesellschaft welche das Hereinströmen nach Irak von Materialen und Apparaten zur Aufrüstung von Masservernichtungs-Waffen untersucht (etwa die Hälfte davon kommt aus Deutschland),  und Beamte von CIA und FBI vor den verschiedenen Ausschüssen des Senates und des Repräsentantenhauses ausgesetzt waren. Dabei erfuhren wir, daß diesen offenen Sitzungen und Ausfragungen geschlossene folgen würden, denn es gab wichtige Dinge, die man nicht in der Öffentlichkeit sagen sollte, vermutlich die wichtigsten. Wenn Agenten der Sicherheitsdienste in einer an sich öffentlichen Ausschuß-Sitzung verhört werden und das im Fernsehen gezeigt wird, kann es geschehen, daß diese nicht von vorne photographiert werden oder gar hinter einem Schirm sitzen; notwendigerweise, schon um sie und ihre Familien zu schützen und um ihnen das Weiterarbeiten zu ermöglichen. Und gewisse Punkte werden in öffentlichen Sitzungen und natürlich erst recht in Pressemitteilungen nicht berührt; wir hörten z.B,. welche Arten von Giftkampfstoffen und biologischen Materialen der Irak hat (oder eine Auslese davon), aber nicht wieviel und nicht wo. Wenn man das bekanntgeben würde, könnte Hussein unsere Informationsquellen relativ leicht herausfinden und stumm machen.

 

Ein zweites Beispiel: Schäfer spricht auf Seite 48, linke Spalte von “der Droge des Konsumrausches” und zielt dabei vor allem auf Amerika. Ich erlebe aber seit Jahrzehnten in meiner eigenen amerikanischen Umgebung wieder und wieder Fälle, in denen jemand auf eine höhere Einnahme verzichtet, um mehr Zeit für die Familie zu haben, oder um einem Hobby nachzugehen, oder indem  er (sie)  eine  weitaus weniger gut bezahlte Stellung sucht und annimmt, in der er (sie) Arbeit leisten kann, die seiner (ihrer) Meinung nach wertvoller ist, z.B. für die Gemeinschaft wertvoller. So etwas ist so allgemein, daß man kein Aufhebens davon macht. Von den Fällen, die an die hundert  Millionen reichen, in denen erhebliche freiwillige unbezahlte Arbeit geleistet wird, und von den hohen Beträgen für charitative und kulturelle Zwecke, habe ich oben schon etwas berichtet.   --  Weitere Beispiele dazu und zu Schäfer’s Äusserungen auf Anforderung.

 

Falsche generelle Beurteilungen sind nichts neues - in dem schon erwähnten Schriftstück aus der Mitte des 19. Jahrhunderts kann man sie schon fast alle  finden. Der Onkel aus Amerika ist allemal reich, und “Technisch auf der Höhe wie Amerika” hört man oft - darin scheint sich die Kenntnis manchmal zu erschöpfen. Oder,  in einem “Kerkergedicht”[1] werden die USA verglichen mit einem alten, frisch lackierten Dampfer, der auf dem Ozean sinnlose Kreise dreht,  während die Passagiere tanzen. Diese Fehlbeurteilungen sind es unter anderen, die auf die Umgebung des Beurteilers und auf sein eigenes Denken zurückschlagen, denn es bleibt der zunächst kleine Verdacht, daß etwa Bestrebungen, die eigene finanzielle Situation und die Technik in der Umgebung zu verbessern, die menschlichen Qualitäten herabsetzen.

 

Mehrfach in diesem Artikel erwähne ich die allgemeine Menschlichkeit der Amerikaner, begründet

in einer Hochachtung vor dem Mitmenschen als solchem, sich ausdrückend in der allgemeinen Freundlichkeit (die in Kalifornien sogar noch deutlicher ist als im Osten), sich auswirkend  in der grossen gegenseitigen Hilfsbereitschaft und auch in gewissen sozialen Gegebenheiten (die ich anderswo detaillierter bespreche). Aber diese Menschlichkeit drückt sich auch aus - wie könnte es anders sein ? - in Haß. Diese Fälle wirken wie Fremdkörper, sind aber, wenn auch in geringer Zahl, stets irgendwo und irgendwie vorhanden. Im Augenblick ist wohl am schlimmsten die “World Church of the Creator” des “Priesters” Matt Hale in East Peoria, eine “high-tech” energetische Organisation mit Anhängern in mehreren Staaten, die sich feindliche, z.T. brutale Akte darunter  gegen Juden, Asiaten, Schwarze haben zuschulden kommen lassen. Darüber wird natürlich in der Presse berichtet - und diese Tatsache trägt dazu bei, daß solche Haß-Organisationen beschränkt, und also in der Gesamtwirkung durchaus unwirksam bleiben. An dieser Stelle sei auch auf die bekannte Tatsache verwiesen, daß Teile des deutschen Rechtsextremisus und Antisemitismus von Amerika aus mit “Informationen” und mit Geld unterstützt werden.

 

Von “Konsumrausch” ist weder hier noch dort etwas zu spüren. Wenden wir uns nun dem dritten oben genannten Artikel zu.

 

 

4.

 

Für mich ist Livingston’s Aufsatz der interessanteste von den dreien, obwohl er mindestens ebenso viele Punkte wie der von Schäfer enthält, denen ich widersprechen möchte. Als ich ihn las, kamen mir die Zeilen 11564 und 11580 in’s Gedächtnis, doch soll das erst am Ende dieses Aufsatzes besprochen werden.         

 

Habe ich nicht recht - so möchte ich Robert Livingston fragen - wenn ich meine, daß die gegenwärtige Stellung der USA nur wenig geschichtliche Vorgänger hat - vielleicht im späteren Mittelalter der eine oder ander deutsche Kaiser, vielleicht eine Periode des römischen Reich’s - oder garkeine - bei weitem garkeine! - wenn man bedenkt, daß es heute der Menschheit möglich wäre, sich selbst ganz auszulöschen?  Diese Stellung bedeutet eine vorwärtsschreitende , richtungbestimmende, also führende Rolle in der Welt zu übernehmen, die man nicht abschütteln darf.  Schon Shakespeare - und vor ihm vielleicht der eine oder andere Römer - wußte, daß man sich versündigt,  wenn man eine einem in die Hände gespielte Macht  nicht gebraucht. Eine polnische (sic !) Inszenierung von “King Lear” in Boston, Massachusetts, in den früheren 1960er Jahren hat das besonders betont.  

 

Ob man die amerikanisch-deutsche “Partnership in Leadership” als über Bord gefallen ansieht, hängt von der Frage ab, was Vater Bush unter solcher Partnership verstand und wie man das in Deutschland auffaßte. Die deutsche Übersetzung dieses Worts ist interessant (ich hörte sie von Schäuble , als dieser in Georgetown sprach): “Partnerschaft in der Führungs-Verantwortung”.  Sie läßt die Deutung zu, daß der eine Partner sich verantwortlich fühlt für die Führung in seiner Umgebung, während der andere sie zu übernehmen bereit ist für eine andere - vielleicht weltweite - Umgebung. Dabei bleibt es möglich (und wünschenswert), daß es Probleme geben wird, in der die beiden Partner sich zu einer Diskussion zusammenfinden.

Wenn die amerikanische Regierung es heute ablehnt, weltweit vorherrschende Paradigmen auch für sich anzunehmen, weil bei vorurteilsfreier und kritischer Betrachtung diese Paradigmen nicht mehr richtig sind, so erfüllt sie damit ihre Führungsrolle auf diesen Gebieten.

 

Betrachten wir den “Umweltschutz”. Der frühere Präsident der American Academy of Sciences, Frederick Seitz, und der gegenwärtige “State Climatologist of the Commonwealth of Virgina”, Patrick J. Michaels, und viele andere haben glaubwürdig und sorgfältig mit Zahlen belegt festgestellt, daß die klimatologische Situation entscheidend anders ist als in diesen Tagen weltweit von Vielen  behauptet wird; also darf die amerikanische Regierung - Präsident und Congress - ihre  Führungsrolle nicht ableugnen.

 

Oder - was eigentlich Jedem klar sein sollte -: ein Weltgerichtshof kann nur befürwortet werden, wenn es dabei um wahre Gerechtigkeit geht und nicht um das, was heute die eine und morgen die andere Gruppierung von Interessen als solche hinstellen wollen. Die Geschichte der Vereinten Nationen hat jedoch noch nicht bewiesen, daß eine solche umfassende Gerechtigkeit von Allen als das Wichtigste angesehen und gefordert und gefördert wird; und es bleibt eine offene Frage, ob solche Gerechtigkeit überhaupt weltweit formuliert werden könnte.

 

Amerika kann es sich nicht erlauben - und die Anderen sollten es Amerika nicht erlauben - sich unrealistischen Wunschvorstellungen hinzugeben. Wenn nun einzelne amerikanische Bürger Vorstellungen aus der inner-amerikanichen Kritik ausserhalb des Landes zu Sprache bringen, so ist das sehr zu begrüssen, wenn es dazu führt, daß diese und parallele Dinge draußen ehrlich und scharf diskutiert werden. Die vorliegende Zeitschrift scheint dafür ein hervorragender Platz zu sein und die sie umgebende Partei der FDP eine geignete Plattform, da sie als der kleinere Partner in der Opposition freier ist von den taktischen Problemen, mit denen sich die anderen befassen müssen. Es geht eben um die strategischen offenen Fragen.

 

Wenn Faust, nachdem er so ziemlich alle wünschenswerten Personen und Orte der Menschheitsgeschichte kennengelernt hat, es als das wichtigte ansieht, auf freiem Grund mit freien Volk zu stehen, verstehend, daß das keine Sicherheit verspricht und nach verantwortlicher Tätigkeit verlangt, so läßt Goethe das die Meinung von Faust sein, ohne zu sagen, ob es auch seine Meinung sei. Und wir wissen, daß der alte Goethe, trotz seines großen Interesses an Amerika und seiner auf einzelnen Teilgebieten ausgezeichneten Kenntnis jenes Erdteils, nicht interessiert war, die geistigen und politischen Grundlagen dieses Staates kennen zu lernen. Er hat es selbst gesagt,  daß das für Jemanden in seinem Alter zu gefährlich wäre. Ist Europa jung genug dazu?

 

Nun, Goethe zeigt, daß Faust sich irrt, er erblindet und preist eine Schimäre. Wollte Goethe damit sagen, daß man die Freiheit nicht mit der Hilfe des Teufels erreichen kann? Oder wollte er damit sagen, daß man die Freiheit nicht erreichen kann? Amerika und fast alle seiner Bürger dürften der ersten Meinung zustimmen und die zweite absolut ablehnen. Wie wird die Welt entscheiden?

 

Menlo Park, 25.September 2002                                               Hans Dolezalek



[1]der Verfasser der im übrigen sehr bemerkeswerten “Kerkergedichte “ möchte nicht genannt werden